Viele Eltern haben ein ungutes Gefühl, wenn sie das Wort „Lerntherapie“ hören.
Andere denken: „Ist das nicht einfach nur bessere Nachhilfe?“
Nein.
Lerntherapie greift tiefer. Sie setzt nicht am aktuellen Schulstoff an, sondern an den Grundlagen. Und genau dort entscheidet sich, ob ein Kind langfristig sicher lesen und schreiben kann.
Hier bekommst du einen ehrlichen Einblick, was wirklich passiert.
Die erste Stunde ist kein Test-Marathon.
Dein Kind soll erleben:
- Hier darf ich Fehler machen.
- Hier werde ich nicht ausgelacht.
- Hier hört mir jemand zu.
Oft starten wir mit einem lockeren Gespräch:
- Was magst du in der Schule?
- Was fällt dir schwer?
- Wann merkst du, dass Lesen oder Schreiben anstrengend wird?
Dann folgen erste kleine Aufgaben. Zum Beispiel:
- Ein paar einfache Wörter lesen.
- Laute heraushören.
- Wörter klatschen.
- Ein Mini-Diktat mit sehr einfachen lautgetreuen Wörtern.
Nicht um Druck zu erzeugen – sondern um ein erstes Bild zu bekommen.
Diagnostik: Wir schauen genau hin
Am Anfang steht eine fundierte Diagnostik.
Nicht nur: „Wie viele Fehler macht das Kind?“
Sondern:
- Verwechselt es bestimmte Laute? (z. B. b/p, d/t)
- Lässt es Silben aus?
- Erkennt es Reimstrukturen?
- Liest es stockend oder ratend?
- Arbeitet es impulsiv oder sehr unsicher?
Zwei Kinder mit LRS können komplett unterschiedlich arbeiten:
Kind A liest langsam, aber genau.
Kind B liest schnell, aber rät viel.
Beide brauchen etwas anderes.
Deshalb gibt es kein Schema F.
Therapieplanung: Zurück an die sichere Stelle
In der Schule geht es oft zügig voran.
Wenn ein Kind einen Schritt nicht sicher beherrscht, entsteht eine Lücke.
Und auf einer Lücke kann man nicht stabil aufbauen.
In der Lerntherapie gehen wir bewusst zurück.
Beispiel:
Ein Kind schreibt „Blume“ als „Blme“.
Dann fehlt häufig das sichere Silbenbewusstsein.
Wir üben z.B.:
Blu-me
klatschen – sprechen – schreiben
Erst wenn das sicher ist, gehen wir weiter.
Das nennt man Arbeiten an der Null-Fehler-Grenze.
Aufgaben sind so gewählt, dass dein Kind sie korrekt lösen kann.
Erfolg wird planbar.
Und Erfolg verändert Haltung.
Grundlagen festigen – konkret und systematisch
Viele Kinder mit LRS haben unsichere Basiskompetenzen. Dazu gehören:
Laut-Buchstaben-Zuordnung
Beispiel:
Ein Kind hört das /sch/, weiß aber nicht sicher, wie es geschrieben wird.
Dann wird nicht sofort ein Text geschrieben.
Wir üben gezielt:
- Hören
- Erkennen
- Zuordnen
- Schreiben
Silbenstruktur
Kinder lernen, Wörter nicht als „Buchstabensalat“, sondern als Bausteine zu sehen.
Beispiel:
„Fenster“ wird zu
Fens-ter
Das erleichtert Lesen UND Schreiben.
Rechtschreibmuster
Statt „Merken“ lernen Kinder Strukturen:
- Wörter mit doppeltem Mitlaut nach kurzem Vokal
- Wörter mit Dehnungs-h
- häufige Wortbausteine wie -ung, -heit, -lich
Alles Schritt für Schritt.
Vom Leichten zum Schweren – nicht umgekehrt
Viele Kinder erleben im Schulalltag:
„Das ist schon wieder zu schwer.“
In der Lerntherapie arbeiten wir anders.
Beispiel Rechtschreiben:
- Lautgetreue Wörter
- Wörter mit einfacher Regel
- Sätze
- Kurze Texte
- Freies Schreiben
Kein Schritt wird übersprungen.
Beim Lesen genauso:
- Silben
- kurze Wörter
- Wortketten
- einfache Sätze
- kleine Texte
Sicherheit kommt vor Tempo.
Kindgerechte Kommunikation
Ein Kind versteht nichts von „phonologischer Bewusstheit“.
Aber es versteht:
„Wir trainieren heute dein Ohr, damit du die Wort-Bausteine besser hören kannst.“
Komplexe Inhalte werden in klare Bilder übersetzt.
Zum Beispiel:
- Silben sind „Wort-Häppchen“
- Rechtschreibregeln sind „Werkzeuge“
- Fehler sind „Hinweise, wo wir noch üben dürfen“
Das nimmt Druck raus und schafft Klarheit.
Spielerisches Lernen – mit Ziel
Ja, wir spielen.
Aber jedes Spiel verfolgt ein klares Lernziel.
Beispiele:
- Silben-Memory
- Laut-Domino
- Würfelspiele mit Rechtschreibmustern
- Lesespur-Geschichten
- Wortbaustein-Karten
Spiele ermöglichen Wiederholung ohne Widerstand.
Und Wiederholung ist entscheidend für Automatisierung.
Lernen darf sich leicht anfühlen – auch wenn es strukturiert ist.
Lesen und Rechtschreiben in einer Stunde
Bei einer LRS werden in einer Therapiestunde meist beide Bereiche kombiniert.
Beispiel für eine Stunde:
- 2-3 Minuten Ankommen und von der vorigen Woche erzählen (gab es etwas Wichtiges in der Schule usw.)
- 2-3 Minuten kurzes Spiel zur Aktivierung von Gedächtnis/Motivation/Konzentration
- 15 Minuten Leseübung (Silben oder Text)
- 5 Minuten Spiel zur Aktivierung von Gedächtnis/Konzentration/logischem Denken
- 15 Minuten strukturierte Rechtschreibarbeit
- 5 Minuten Abschlussspiel
Warum beides?
Weil Lesen und Schreiben auf denselben Grundlagen beruhen.
Wer ein Wort sicher lesen kann, soll es auch sicher schreiben können.
So entstehen Verbindungen im Kopf – keine Einzellösungen.
Fortschritte sichtbar machen
In regelmäßigen Abständen prüfen wir:
- Lesegenauigkeit
- Lesetempo
- Rechtschreibsicherheit
- Strategienutzung
Nicht, um Druck zu machen.
Sondern um Entwicklung sichtbar zu machen.
Beispiel:
Ein Kind liest am Anfang 45 Wörter pro Minute mit 10 Fehlern.
Nach einigen Monaten liest es 70 Wörter mit 2 Fehlern.
Diese Zahlen sind kein Selbstzweck.
Sie zeigen: Arbeit lohnt sich.
Und das stärkt Selbstvertrauen.
Mehr als Fachtraining
Viele Kinder kommen mit inneren Sätzen wie:
- „Ich bin dumm.“
- „Ich kann das eh nicht.“
- „Deutsch ist mein schlimmstes Fach.“
Lerntherapie verändert nicht nur Leistungen.
Sie verändert Selbstbilder.
Wenn ein Kind erlebt:
„Ich schaffe das.“
„Ich verstehe das.“
„Ich kann mir helfen.“
Dann passiert etwas Entscheidendes.
Das ist der eig
Fazit
Lerntherapie bedeutet:
- genau hinschauen
- individuell planen
- systematisch aufbauen
- Grundlagen festigen
- Fortschritte sichtbar machen
- Selbstvertrauen stärken
Nicht schneller.
Nicht mehr Druck.
Sondern gezielt und passend.
Und genau deshalb ist sie wirksam.



